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Flucht und Fluchthilfe im Spannungsfeld der deutsch-deutschen Beziehungen

Bevor ich zu meinem Thema ...– der Geschichte der Fluchthilfe – komme, möchte ich ein paar einführende, allgemeinere Bemerkungen machen, die den weiteren Rahmen aufspannen sollen, in dem ich dieses Thema sehe.

Auf den ersten Blick scheint ja die Fluchthilfe ein recht abseitiges Phänomen zu sein. Man assoziiert damit ein paar Gruppen von Abenteurern, die aus mehr oder weniger lauteren Motiven handelten – vielleicht aus Hilfsbereitschaft und Idealismus, vielleicht aber auch aus politischem Radikalismus oder aus einer Neigung, mit ungesetzlichen Methoden Geld zu verdienen; man assoziiert Abenteurer, die nach dem Mauerbau spektakuläre Fluchtwege fanden – Tunnel gruben, Pässe fälschten, durch die Kanalisation wateten, Autos umbauten; und dies für fluchtwillige Menschen aus der DDR, deren Bereitschaft, sich diesen Fluchthilfegruppen unter Gefährdung ihres Lebens und für manchmal viel Geld anzuvertrauen, ohne daß materielle Not oder unerträgliche Verfolgung sie dazu gezwungen hätten, auch fremdartig und erstaunlich wirkt.

In Zahlen gesehen war die Fluchthilfe in der Tat über Jahre und Jahrzehnte hinweg eine Randerscheinung: Während es in den 60er Jahren überhaupt keine gesicherten Zahlen gibt, registrierte das Ministerium für Staatssicherheit in den 70er Jahren nur zwischen 200 und 300 gelungene sogenannte Ausschleusungen pro Jahr – mit einem Höhepunkt von knapp 1000 Ausschleusungen im Jahr 1973 nach dem Transitabkommen zwischen der DDR und der Bundesrepublik, als die Kontrollen auf den Transitautobahnen zwischen Berlin und Westdeutschland erheblich gelockert wurden und es kurzzeitig so schien, als ob man einen Flüchtling nur auf einer Autobahnraststätte in den Kofferraum stecken müsse, um ihn sicher in den Westen zu bringen.

Ein Eindruck, der allerdings trog, da das Ministerium für Staatssicherheit spätestens 1975 die Transitstrecken so lückenlos überwachte, daß hier kaum mehr eine Flucht gelang. Bis 1975 endete ein Viertel bis ein Drittel aller Ausschleusungsversuche mit einer Verhaftung, dann stieg die Verhaftungsquote auf 50 Prozent. Ende der 70er Jahre und in den 80er Jahren scheiterten sogar 65 bis 75 Prozent aller mit Fluchthilfe unternommenen Fluchtversuche. In absoluten Zahlen sanken die erfolgreichen Ausschleusungen Anfang der 80er Jahre unter 100 pro Jahr, und ab 1984, mit dem Anschwellen der Ausreisebewegung, wurden sie bis 1989 zu einer vollends vernachlässigbaren Größe.Obwohl die Fluchthilfe in Zahlen jedenfalls ab Mitte der 60er Jahre eine geradezu lächerliche Größenordnung einnimmt, absorbierte sie doch einen großen, mit den Jahren immer mehr anwachsenden Teil des Verfolgungsapparates der DDR.

Spätestens mit der Gründung der Zentralen Koordinierungsgruppe im Ministerium für Staatssicherheit 1975 waren die im DDR-Jargon so genannten kriminellen Menschenhändlerbanden Staatsfeind Nr. 1, für dessen möglichst effiziente Bekämpfung alle Ressourcen dieser Behörde neu geordnet, zusammengefaßt und erweitert wurden. Verstehen kann man dieses anscheinende Mißverhältnis nur, wenn man die Fluchthilfe im Kontext der Flucht- und Ausreisebewegung insgesamt betrachtet. Die Flucht- und Ausreisebewegung gefährdete die Existenz der DDR; sie hatte 1952 zur Absperrung der deutsch-deutschen Grenze und 1961 zum Mauerbau in Berlin geführt. Nach 1961 versuchte die DDR, der nun nicht gestoppten, sondern nur gehemmten Flucht- und Ausreisebewegung kleine kontrollierte Ventile zu öffnen, insbesondere durch den Freikauf im Rahmen der Familienzusammenführung und durch die Rentnerreisen. Die vom Westen aus organisierte Fluchthilfe jedoch mußte für die DDR aus mehreren Gründen unerträglich sein: -
Sie ließ sich nicht kontrollieren – obwohl es auch hier Versuche durch IM’s, durch Spitzel des Staatssicherheitsdienstes, gegeben hat; -
sie agierte vom Boden, auch vom verfassungsrechtlichen Boden, des Konkurrenzstaates Bundesrepublik aus; -
und sie war in ihrem Potential unendlich, da die DDR zwar ihre eigene Bevölkerung einsperren, aber realistischerweise nicht die ganze Welt auf Dauer aussperren konnte: jede Besuchsreise von West nach Ost konnte immer auch der Vorbereitung oder Durchführung einer Flucht von Ost nach West dienen.

In ihrem Zusammenhang mit der Flucht- und Ausreisebewegung insgesamt hat die Fluchthilfe ihre historische Relevanz; außerdem bietet sich dieses Phänomen, gerade in seiner schillernden Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit, in besonderer Weise dazu an, das grundsätzliche Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten besser zu verstehen – die Bedingungen ihrer Interaktion, die Art und Weise der Wechselbeziehung, die Statik und die Dynamik dieses in der Geschichte wohl einzigartigen Beziehungsgefüges zweier Staaten.
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21.10.10 00:20

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